07 May 2026, 12:23

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte und das Versagen der DDR

Plakette an einer Steinwand mit der eingravierten Inschrift "Adolf Abraham".

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte und das Versagen der DDR

Halberstadts jüdische Geschichte – einst ein blühendes Zentrum des Neo-Orthodoxen Judentums – wurde in der DDR systematisch getilgt. Die Zerstörung begann mit der Sprengung der Synagoge während der Novemberpogrome 1938 und setzte sich über Jahrzehnte der staatlichen Vernachlässigung und ideologischen Verdrängung fort. Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht nun dieses vergessene Erbe und die gescheiterte Auseinandersetzung der DDR mit ihrer eigenen Vergangenheit.

Der Untergang der jüdischen Gemeinde Halberstadts nahm in der Nacht vom 9. November 1938 seinen Lauf, als die Synagoge in den von den Nationalsozialisten angeführten Pogromen zerstört wurde. Was von der Gemeinde übrig blieb, wurde später in der DDR endgültig ausgelöscht – trotz offizieller antifaschistischer Rhetorik blieb ihre Erinnerung unbewahrt.

Erst 1949 entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte für die Opfer der Zwangsarbeit. Doch zwanzig Jahre später, 1969, wurde sie umgestaltet – nicht als Ort der Trauer, sondern als Bühne für politische Kundgebungen, direkt über Massengräbern errichtet. Gleichzeitig wurden die unterirdischen Stollensysteme des Lagers in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.

Trotz Repressionen blieben einige jüdische Stimmen hörbar. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati ließ sich 1952 in der DDR nieder und nahm in Ost-Berlin drei Alben auf. Doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwand ihre Musik aus dem Staatsfunk. Im selben Jahr erschienen in der DDR Romane der Holocaust-Überlebenden Peter Edel und Jurek Becker – seltene Einblicke in eine verdrängte Geschichte.

Jahrzehnte später löste der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen an jüdische Eigentümer 2018 antisemitische Untertöne aus und zeigte, wie tief die alten Vorurteile noch wirken. Philipp Grafs Buch „Verweigerte Erinnerung“ (Originaltitel: Rejected Legacy) stellt sich nun diesen fortbestehenden Verzerrungen entgegen und entlarvt das Versagen der DDR, Antisemitismus und Autoritarismus zu bekämpfen – ob von rechts oder unter dem Deckmantel linker Ideologie.

Grafs Arbeit zwingt zu einer Abrechnung mit Halberstadts getilgter jüdischer Vergangenheit und den unerfüllten antifaschistischen Versprechen der DDR. Die Gedenkstätte in Langenstein-Zwieberge, die umfunktionierten Stollen und die in Vergessenheit geratenen Künstler wie Jaldati sind stumme Zeugen einer Geschichte, die begraben, aber nie ganz verschwunden ist. Heute dient das Buch sowohl als Dokumentation als auch als Mahnung, sich den Erblasten der Unterdrückung zu stellen, die die Region bis heute prägen.

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