Pilotestreik bei Lufthansa legt Hunderte Flüge lahm – und zeigt die Macht der Gewerkschaften
Jonas KrausStreik der Piloten: Warum wir Gewerkschaften brauchen - Pilotestreik bei Lufthansa legt Hunderte Flüge lahm – und zeigt die Macht der Gewerkschaften
Ein zweitägiger Pilotestreik hat Hunderte Lufthansa-Flüge lahmgelegt und bei Reisenden für massive Behinderungen gesorgt. Die von der Pilotengewerkschaft Cockpit VC organisierte Arbeitsniederlegung begann heute und dauert bis einschließlich morgen an. Während Flüge in den Nahen Osten nicht betroffen sind, müssen rund 600 Verbindungen mit Ausfällen oder Verspätungen rechnen.
Doch über das unmittelbare Reisechaos hinaus zeigt der Streik die weitreichende Bedeutung von Gewerkschaften in Deutschland. Ihre Tarifverhandlungen setzen oft Maßstäbe für Löhne, die sich branchenweit auswirken – selbst zugunsten von Beschäftigten ohne Gewerkschaftsbindung und Rentnern.
Der Streik von Cockpit VC folgt Forderungen nach besseren Gehältern und Arbeitsbedingungen. Passagiere müssen nun mit verpassten Anschlüssen, verspäteten Urlaubsreisen und gestörten Geschäftsreisen rechnen. Manche werden wichtige Termine oder Familienfeiern nicht erreichen.
Die Aktion fällt in eine Zeit, in der Gewerkschaften in Deutschland zwar noch stark, aber rückläufig sind. Wie das Statistische Bundesamt 2024 meldete, waren nur noch 49 Prozent der Beschäftigten von Tarifverträgen erfasst – 2000 lag dieser Anteil noch bei über zwei Dritteln. Die Forschungsgruppe WSI schätzt die aktuelle Quote auf etwa 50 Prozent, mit deutlichen Unterschieden zwischen den Branchen. Erringen Gewerkschaften höhere Löhne, passen nicht tarifgebundene Arbeitgeber diese oft an, um im Wettbewerb zu bestehen.
Die Auswirkungen gehen über die Löhne hinaus. Die jährlichen Rentenanpassungen sind an die Lohnentwicklung gekoppelt, sodass auch Rentner von Gewerkschaftsabschlüssen profitieren. Dennoch gibt es Herausforderungen: Die IG Metall, Deutschlands größte Gewerkschaft, tut sich schwer, im Tesla-Werk in Grünheide Fuß zu fassen. Arbeiter berichten dort von Einschüchterungsversuchen seitens der Unternehmensführung, die eine Organisierung erschweren.
Selbst in traditionellen Hochburgen wie Volkswagen gerät die Vorherrschaft der IG Metall unter Druck. In manchen Werken sind zwar neun von zehn Beschäftigten Gewerkschaftsmitglieder. Doch rechtsextreme Gruppen mischen mittlerweile bei Betriebsratswahlen mit und erhöhen so den Konkurrenzdruck.
Der Lufthansa-Streik wird für tausende Passagiere kurzfristig Ärger bedeuten. Doch seine langfristigen Folgen reichen viel weiter: Tarifabschlüsse prägen Löhne, Renten und Arbeitsbedingungen für Millionen – unabhängig davon, ob sie einer Gewerkschaft angehören oder nicht. Während die Tarifbindung sinkt, verschiebt sich das Kräfteverhältnis zwischen organisierter Arbeiterschaft und Arbeitgebern weiter.